Logo der Spartakiade

Am Wochende war ich auf der Spartakiade und habe dort einen ganztägigen Workshop mit dem Titel “Ab morgen bitte Scrum” geleitet. Die Spartakiade ist eine Community-Konferenz die ausschließlich aus herausfordernden Workshops besteht – ein interessantes Konzept, das es erlaubt ein Thema auch mal mit entsprechender Tiefe zu bearbeiten.

Mit diesem Post möchte ich ein paar Eindrücke von der Konferenz und aus meinem Workshop berichten.

Die Konferenz

Inzwischen gibt es eine Reihe von sehr professionell organisierten Community-Veranstaltungen und die Spartakiade gehört auf jeden Fall mit in diesen Kreis. Ca. 150 Teilnehmer konnten sich an 2 Tagen in entsprechenden Workshops weiterbilden und untereinander austauschen. Persönlich hat mir das Konzept mit den Workshops sehr gut gefallen, da ich in meinem Workshop, bei dem es um die kulturellen Aspekte von Scrum geht, endlich nicht nur theoretisch bleiben musste wie bei Vorträgen, sondern ich konnte diese Themen für die Teilnehmer “erlebbar machen”.

Was auch auffällt, das Publikum auf Community-Konferenzen ist etwas anders. Dort treffen sie die Leute, denen ein Thema so sehr am Herzen liegt, dass sie sogar ihr Wochenende investieren und vielen bezahlen Reisekosten aus der eigenen Tasche statt sich das vom Arbeitgeber finanzieren zu lassen. Diese Motivation merkt man, auch, wie die Teilnehmer sich im Workshop engagiert haben.

Vielen Dank nochmals an Torsten Weber und Janek Fellien mit ihren Unterstützern dafür, dass sie diesen großartigen Rahmen für den Austausch in der Community geschaffen haben.

Der Workshop

In meinem Workshop ging es vor allem darum, wie die Unternehmenskultur Agilität beflügeln oder ausbremsen kann und wie man zu einer agilen Unternehmenskultur kommen kann.Da es dabei auch darum geht, einfach Dinge mal auszuprobieren und anders zu machen, habe ich die Vorstellungsrunde schon versucht etwas ungewöhnlich zu gestalten.

Vorstellungsrunde

Nach meiner Überzeugung ist ein wichtiger Aspekt der agilen Unternehmenskultur, Dinge einfach auch mal anders zu machen. Deshalb wollte ich eine Alternative zur klassischen Vorstellung bei der sich jeder reihum selbst vorstellt. Ich habe ein anderes Format gewählt, bei dem sich die Teilnehmer sich zu Paaren zusammengefunden haben. Dann gab es eine Timebox von 7,5 Min. in der sich die Paare untereinander kennenlernen konnten. Nach der Timebox hat jeder mit 3 kurzen Fakten bzw. Statements seinen Partner vorgestellt. Es hat zwar nicht perfekt geklappt, dass sich jeder auf 3 Aspekte der Vorstellung fokussiert hat, aber persönlich fand ich diese Form der Vorstellung deutlich besser. Man hat seinen Partner intensiver kennengelernt als in einer üblichen Vorstellungsrunde und bei der Vorstellung war interessant zu sehen, welche Aspekte ausgewählt wurden, um den Partner vorzustellen. Angenehmer Nebeneffekt war, dass die Vorstellungsrunde insgesamt zeitlich sogar kürzer war als beim klassischen Vorgehen.

Mit der Vorstellungsrunde konnte ich auch schon 2 wesentliche agile Werte bzw. Konzepte vermitteln. Timeboxing und Fokussierung. Durch die Timebox muss jeder darauf achten, innerhalb der gegebenen Zeit ein ausreichend gutes Ergebnis zu liefern und z.B. zu verhindern, dass das Kennenlernen bis zum Ende der Timebox nur in eine Richtung erfolgte. Und es ist einfach, in aller Länge viele Details über sich oder jemand anderen zu erzählen. Aber die 3 wesentlichen Kernpunkte auszuwählen und sich auf diese zu fokussieren ist deutlich schwieriger.

Impulsvortrag

Im anschließenden Impulsvortrag wollte ich die Teilnehmer auf das Thema einstimmen. Ich wollte nicht viel vorwegnehmen und auch nicht viel Zeit mit der Einführung vernichten, deshalb habe ich es sehr kurz gehalten. Meine Kernaussagen waren:

  • Der Erfolg von Agilität hängt im Wesentlichen von der Kultur im Team und im Unternehmen ab. Die Mechanismen sind trivial.
  • Leider wird Agilität oft als Tool installiert in der Annahme, dass sich bereits dadurch entsprechende Erwartungen erfüllen. Dadurch bleibt aber die Bereitschaft für einen echten Wandel auf der Strecke.
  • Wir brauchen eine geeignete Wertebasis. Die gelebten Werte durch die beteiligten Personen habe ich als Kultur bezeichnet.
  • Über Werte zu diskutieren ist schwierig, da die meistens positiv formuliert sind und eigentlich niemand gegen Werte wie Ehrlichkeit oder Offenheit argumentieren wird.
  • Eine Kultur kann nicht verordnet werden. Demzufolge kann der Workshop auch eher Impulse und Denkanstöße liefern, keine “Best Practices”.

Hier die Notizen die ich für den Impulsvortrag genutzt habe:

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Erwartungen und Erfolgskriterien festlegen

Danach haben wir in der Gruppe versucht zu definieren, wann der Workshop für die Teilnehmer erfolgreich ist und woran wir das festmachen können. Ich habe die Teilnehmer gebeten, ihre Erwartungen zu formulieren, woran sie am Abend erkennen können, ob sie den Workshop für sich persönlich als Erfolg bewerten. Hier sind die Ergebnisse:

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Zudem haben wir begonnen konkrete Fragen und Problemstellungen zu sammeln die wir dann den Tag über in einzelnen Q&A Sessions bearbeiten können. Hier war die Aufforderung, auch den ganzen Tag über neu hinzukommende Fragen entsprechend zu ergänzen.

Wahl des ersten Themas

Damit wir den Workshop möglichst gut auf die Wünsche der Teilnehmer abstimmen konnten, habe ich eine Reihe von Themen vorgestellt, die ich vorbereitet hatte und diese dann zur Wahl gestellt. Die erste Frage lautete: Welches Thema wollt ihr als erstes angehen?

Für das anschließende Voting habe ich eine Anregung genutzt, die ich vor kurzem von meinem Kollegen Cédric bekommen habe. Oft macht man ja Dinge einfach so, weil man sie schon immer so macht, auch wenn man mit dem Vorgehen eigentlich nicht richtig glücklich ist. So ging es mir bisher mit solchen Votings die ich in meinen Workshops und Trainings sehr häufig mache. Das übliche Vorgehen sind Striche zu machen wobei jeder 5te Strich diagonal gezeichnet wird. Das hat aber oft nicht richtig gut funktioniert. Jeder musste darauf achten, wie viele Striche schon da sind und dann daran denken, den 5ten entsprechend diagonal zu zeichnen. Die Auswertung war hinterher auch entsprechend, da man nochmals kontrollieren musste, ob die 5er-Blöcke korrekt gesetzt wurde etc. Ich war nie glücklich mit dem Vorgehen, hab es aber immer wieder verwendet. Nun hat Cédric bei einem Voting eine andere Methode angewendet, die ich viel schöner fand und die habe ich auch gleich in den Workshop übernommen, auch um zu zeigen, dass es gut ist, ausgetretene Wege mal zu verlassen und neues zu probieren.

Das neue Voting funktioniert so, dass auch 5er-Blöcke gebildet werden aber in Form eines Quadrats, wobei die ersten 4 Stimmen die 4 Seiten des Quadrats bilden und die 5te eine Diagonale. Das ist aber viel klarer als bei den Strichen. Hier das Ergebnis des ersten Votings:

Das Ergebnis des Votings war dann folgendes:

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Geschichten aus dem Alltag eines Scrum-Coaches

Als erstes haben sich die Teilnehmer für eine Gruppendiskussion entschieden. Ich habe verschiedene Situationen die ich beobachtet habe, beschrieben. Anschließend haben wir gemeinsam diskutiert, ob wir die Situation positiv oder negativ bewerten, warum das so ist, welche Auswirkungen diese Situation haben kann und was alternative Möglichkeiten gewesen wären.

Ich fand es sehr positiv, dass bereits in der ersten Runde eine ausgiebige Diskussion entstand und die Teilnehmer begonnen haben, über die offensichtliche Bewertung der Situation hinaus zu denken. Bei dieser Übung kam sehr gut heraus, dass es sich lohnt, nicht seinem ersten Impuls zu folgen, sondern etwas genauer hinzuschauen. So kann es beispielsweise hilfreich sein, sich in die jeweils handelnden Personen zu versetzen und sich zu überlegen, wie man selbst sich fühlen würde. Oder man muss versuchen, sich auf den Kern einer Sache zu fokussieren und sich nicht auf unnütze Nebendiskussionen einlassen. Dazu gehören beispielsweise Rechtfertigungen des Teams, wenn der Product Owner im Sprint Review die erstellte Lösung kritisiert und Änderungen haben möchte.Eine der beschriebenen Situationen sollte auch deutlich machen, dass es nicht genügt, Scrum einmal erfolgreich angewendet zu haben. Man muss kontinuierlich daran arbeiten, sonst fällt das Team schnell wieder in alte Muster zurück. Eine andere Situation zeigte, dass es wichtig ist, offen für Neues zu sein und Dinge nicht einfach abzulehnen, weil man nicht überzeugt davon ist. In einigen Situationen ist es besser, sich auf das Neue zunächst einmal einzulassen und die gewonnenen Erfahrungen dann auszuwerten um auf dieser Bassi dann zu entscheiden.

Wir konnten in der angestrebten Timebox nur 4 der 16 von mir vorbereiteten Situationen besprechen, aber die Diskussionen waren sehr fruchtbar und haben sehr gut aufgezeigt, warum die kulturellen Aspekte viel wichtiger sind, als die reinen Mechanismen von Scrum.

Team Values Game

In der nächsten Runde ging es dann in das Team Values Game. Ich werde das Spiel noch ausführlicher in einem separaten Post beschreiben. Deshalb hier kurz beschrieben, wie es in unserem Workshop abgelaufen ist. Bei diesem Spiel hatte ich 2 Beobachter. Die restlichen Teilnehmer bekamen einer Reihe von Zetteln auf denen verschiedene Aussagen standen.

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Die Teilnehmer mussten diese nun in eine Reihenfolge bringen, die die persönliche Wichtigkeit ausdrückt. In der zweiten Runde war dann das Ziel, seine eigene Liste mit der von anderen Teilnehmern zusammenführen zu können. Dazu wurden die Unterschiede diskutiert und warum einem bestimmte Themen wichtig waren oder eben nicht. Ziel war, innerhalb der Gruppe möglichst wenige Listen zu haben zu denen aber alle auch wirklich stehen.

Dieses Spiel zeigt sehr gut auf, wie schwierig es ist, über Werte zu diskutieren. Das Verständnis bzw. die Interpretation der einzelnen Punkte können sehr voneinander abweichen. Dabei spielt der persönlicher Erfahrungshintergrund und die eigene aktuelle Situation eine wichtige Rolle. Diese unterschiedlichen Interpretationen sichtbar zu machen kann aber sehr wertvoll sein. Man beginnt auf einmal zu verstehen, warum jemand in bestimmten Situationen unerwartet reagiert oder sich jemand nicht verhält wie erwartet. Zudem beginnt man für sich ein Bewusstsein zu entwickeln, welche Werte einem wirklich wichtig sind und bei welchen man Kompromisse eingehen kann. Letztendlich stand die Frage im Raum, ob es erstrebenswert ist, sich in einem Team tatsächlich auf eine Liste zu einigen. In der Gruppe war die Meinung, dass das nicht sinnvoll ist, um auch eine bestimmte Meinungsvielfalt zu erlauben. Aber wir brauchen eine gemeinsame Basis und vor allem ein Verständnis, wo unsere Wertesysteme im Team abweichen.

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Agile Product Management Game

Als nächstes stand dann das Agile Product Management Game oder Business Value Game auf dem Programm. Dabei handelt es sich um ein interessantes Spiel das leider etwas zeitaufwändiger ist (min. 90 Min.). Dabei geht es darum transparent zu machen, wie ein Product Owner bestimmte Entscheidungen für die Entwicklung eines Teams treffen muss / kann. Warum dieses Spiel aber nun bei einem Workshop zum Thema Kultur? Zunächst einmal war das Feedback der Teilnehmer, dass das Spiel sehr gut verdeutlicht hat, wie komplex solche Entscheidungsprozesse oftmals sind und dass der Entwickler ja nur eine sehr eingeschränkte Sicht darauf hat. Mit einem besseren Verständnis für die Einflussfaktoren werden viele Entscheidungen nachvollziehbar. Die Teilnehmer berichteten von Situationen bei denen sie in der Rolle als Entwickler tatsächlich schon hin und wieder Entscheidungen nicht nachvollziehen konnten und diese umgesetzt haben, obwohl sie nicht überzeugt davon waren, das richtige zu tun – eine Situation die wir im agilen Kontext unbedingt vermeiden möchten. Daraus entspannte sich dann eine Diskussion über Transparenz und vor allem darum wie viel Transparenz möglich / sinnvoll ist. In der Gruppe war der Status Quo hier auch sehr unterschiedlich. Während in einem Unternehmen die finanziellen Aspekte eines Kundenauftrages und die Kostensituation voll transparent gemacht werden, will man sich bei anderen eher nicht so tief in die Karten schauen lassen. Wir waren uns einig, dass diese Art der Transparenz sich entwickeln muss, sonst ist das Risiko eines Missbrauchs zu hoch. Ein wichtiger weiterer Aspekt war die Erkenntnis, dass es wichtig ist, dass alle im Team sich auf das eigentliche Ziel fokussieren, nämlich den Nutzen für den Kunden zu maximieren. Dieser Fokus gerät manchmal etwas aus dem Blick, wenn sich Entwickler ausschließlich auf die Umsetzung der Anforderungen konzentrieren. Hier ist wichtig, dass sich alle im Team entsprechend abstimmen und auch immer wieder hinterfragen, ob einzelne Punkte wirklich zielführend bzw. relevant für die Zielerreichung sind.

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Ball Point Game

Zum Abschluss hat sich die Gruppe dann noch das Ball Point Game gewünscht. Dabei wird gezeigt, wie wichtig es ist, durch regelmäßige Retrospektiven seine aktuelle Vorgehensweise zu hinterfragen und zu optimieren. Im Spiel geht es darum, möglichst viele Bälle einmal durch das Team zu reichen. In der Realität zeigt das die Wichtigkeit und die Wirksamkeit von Retrospektiven. Retrospektiven werden von Teams oft als lästig und unbequem empfunden und am Ende ändert sich doch nichts. Das Spiel zeigt, dass das Team selbst in der Retrospektive Verantwortung für diese Veränderungen übernehmen muss.

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Feedbackrunde

Zum Abschluss haben wir nochmals auf unsere Erfolgskriterien geschaut und die Teilnehmer haben kommentiert, was sie aus dem Workshop mitgenommen haben. Ich habe dann noch gebeten, die Einschätzung zum Workshop über einen Smiley und einem kurzen Satz zu geben. Hier das Feedback das mich sehr gefreut hat Smiley

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Zusätzlich haben die Teilnehmer noch abgestimmt, welcher Teil des Workshops ihnen am besten gefallen hat. Hier das Ergebnis:

1. Impulsvortrag – 1

2. Vorstellungsrunde – 8

3. Aus dem Leben eines Scrum Coaches – 4

4. Team Values Game – 9

5. Agile Product Mgmt. Game – 1

6. Ball Point Game – 3

Überrascht hat mich dabei, dass die Vorstellungsrunde 8 Stimmen bekommen hat. Ich hoffe, dass die anderen Themen nicht zu langweilig waren und nehme das jetzt mal als die positivste Vorstellungsrunde die ich je gemacht habe Smiley Im persöänlichen Gespräch habe ich dann im Anschluss noch sehr viel positives Feedback der Teilnehmer bekommen.

Von meiner Seite aus auch nochmal ein dickes Dankeschön an meine Workshop-Teilnehmer. Ihr wart spitze!

Fazit

Die Spartakiade hat Spaß gemacht und es war ein Workshop bei dem ich auch als Trainer wieder sehr viel mitnehmen konnte. Ich mag das Format und die Leute.

Community rocks!